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Andacht

Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

Matthäus 18,5

José Morán arbeitete als Hausmeister in der "Holy Child of Jesus Church" in Queens, New York. Nach der Mittagspause holte er den Besen und fegte den Boden der Kirche. Die Kirche war leer. Doch plötzlich hörte er ein Baby weinen. Er dachte: Wahrscheinlich ist gerade jemand mit einem kleinen Kind in die Kirche gekommen und will im Weihnachtstrubel ein bisschen Ruhe tanken. Herzlich willkommen!

José fegte weiter, doch das Weinen hörte nicht auf. Er sah sich in der Kirche um: Niemand war zu sehen. Nun ließ er den Besen stehen und ging den Lauten nach. Sie kamen aus der Weihnachtskrippe! Dort lag ein neugeborener Junge und strampelte mit seinen nackten Beinchen. Er war notdürftig in ein Handtuch gewickelt. José rannte ins Gemeindehaus und holte Helfer. Von gegenüber kam eine Krankenschwester, Sanitäter untersuchten das Kind und brachten es in die Klinik. Die Polizei wurde verständigt. Sie sahen sich die Aufzeichnungen an, die von den Videokameras an den Eingängen gefilmt worden waren und fanden die junge Mutter, die ihr Baby in die Krippe gelegt hatte. "Bitte bestrafen Sie mich nicht", flüsterte sie, "aber ich wusste mir keinen anderen Rat. Ich kann das Baby nicht versorgen." In New York dürfen Babys innerhalb eines Monats an "sicheren Orten" abgegeben werden, wo gut für sie gesorgt werden kann, also in Kliniken, Polizeistationen oder ähnlichen Einrichtungen. Gehört die Weihnachtskrippe einer Kirche auch dazu? Der Staatsanwalt in Queens war offenbar dieser Ansicht, die Mutter blieb straffrei, Adoptiveltern wurden gesucht.

Diese Geschichte hat mich nachdenklich gestimmt. Wenn wir ernst nehmen, was Jesus über Kinder sagte und wie er mit ihnen umging, müssten sie in unseren Gemeinden absolut sicher sein. Die Gemeinde wäre der ideale Ort, um Kinder großzuziehen, denn wir alle verstünden uns als liebevolle Zusatzeltern. Keiner würde genervt die Augen rollen, weil der kleine Jonas noch nicht flüstern kann. Überforderte Eltern, laute Schulkinder, rebellierende Teenager mit grün gefärbtem Irokesenschnitt wüssten sich geliebt und gewollt. Jeder auf der Kanzel hätte seine Worte vorher auf "Kinder- und Jugendtauglichkeit" überprüft. Im Gottesdienst kämen die Kinder vor, und zwar nicht nur bei der Kindergeschichte vor der Predigt. Denn wenn wir Kinder liebevoll annehmen, dann ist Jesus mitten unter uns.

Sylvia Renz