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Andacht

Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen!

Offenbarung 14,7

Wir reden gern vom "lieben Gott", der "barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue" (2 Mo 34,6) ist. Aber wie gehen wir mit dem Eingangstext um? Kann man die Worte "Fürchtet Gott" mit "Gott ernst nehmen" übersetzen? Nein, denn an dieser Stelle steht phobeíte: "habt Angst".

Wie passt das mit der Güte Gottes zusammen? Sollen wir etwa vor Gott zittern? Im gewissen Sinn ja.

Das Gefühl kennen wir aus einem Bewerbungsgespräch, dem ersten Rendezvous, selbst vor einer Gerichtsverhandlung, bei der wir siegessicher sind. Gerade das freudigste Ereignis weckt in uns einen Mix aus Hochgefühlen und der Angst, etwas falsch zu machen und damit alles zu verlieren.

So ist die Angst vor Gott zu verstehen. Die Anspannung ist begründet, "denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen" (Offb 14,7). Wie wir aus der Bibel wissen, verhilft uns das göttliche Gericht zu unserem Recht (Dan 7,18.22). Es ist also ein gutes Gericht, weil wir dabei vor dem Universum rehabilitiert werden. Es ist eine freudige Nachricht, denn Gott wird das Böse ausrotten und alles neu machen. Dennoch kann der Gedanke daran einerseits ein Gefühl der Bewunderung Gottes auslösen und andererseits den Entschluss festigen, angesichts der Größe Gottes nichts falsch machen zu wollen.

Das wurde mir bewusst, als ich zum ersten Mal das Vorrecht hatte, Gast am Hof einer Königsfamilie zu sein. Kaum hatte ich mich hingesetzt, winkte mir jemand zu. Ich sollte in einen Nebenraum mitkommen. Mir schossen viele Gedanken durch den Kopf. Was hatte ich falsch gemacht? Da bewegte der Mann - wohl der Zeremonienmeister - meine Kopfbedeckung um ein paar Millimeter hin und her, küsste meine Stirn und schickte mich wieder in den Audienzsaal.

Inzwischen war ich mehrmals in einem Palast, aber eins muss ich ständig bedenken: Trotz aller Freundlichkeit und orientalischer Gastfreundschaft ist kumpelhaftes Benehmen niemals angesagt, und ein einziger Fehler würde den Kontakt abrupt beenden.

Ein Glück, dass Gott uns immer wieder vergibt!

Gerade deshalb: Fürchte ihn und halte dich an sein Wort (vgl. Pred 12,13).

Sylvain Romain