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Andacht

Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet ... und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.

Offenbarung 12,1-2

In einem unserer Hausgottesdienste war von den Kindern nur Lennart, der neunjährige Bruder unseres Patenkindes Salome, anwesend. Ich hatte die Kinderzeit, überlegte nun aber, wie ich sie allein mit ihm am besten nutzen konnte. Die üblichen biblischen Geschichten kennen die beiden ohnehin fast alle auswendig. Ich fragte ihn: "Welche Geschichte in der Bibel verstehst du nicht?" Ihm fiel keine ein, meinte aber, dass er noch nichts aus der Offenbarung wisse. Fieberhaft überlegte ich, welche Geschichte aus der Offenbarung ihm keine Angst einjagen würde. Mir fiel die von der Frau und ihrem Sohn ein, der vom Drachen verfolgt und zum Thron Gottes entrückt wurde (Offb 12,1-5). In einem Buch über die Offenbarung fand ich ein Bild dazu.

Aber statt ihm die Geschichte zu erzählen, lasen wir sie gemeinsam, und ich stellte ihm einige Fragen - wie in einer Bibelstunde -, um ihn selbst herausfinden zu lassen, wen die Akteure in dieser Geschichte darstellen. Mit wenigen Hinweisen kam er selbst auf die Lösung: Dass der Drache Satan darstellt, kann man in dem Kapitel einige Verse weiter erfahren (V. 9), und die Bedeutung von "Michael" begriff er auch, nachdem ich ihm die Übersetzung "Wer ist wie Gott?" genannt hatte. Er begriff, dass der Sohn Jesus darstellt und die Frau mehr sein musste als bloß Maria, denn sie wurde ja noch lange Zeit vom Drachen verfolgt. Eine Anwendung auf Christenverfolgungen ergab sich fast wie von selbst. Und dass Michael den Drachen besiegt hat, war eine gute Botschaft für Lennart.

Diese Kinderzeit hatte eine erstaunliche Wirkung, wie mir erzählt wurde. Lennart wollte aus der Bibel unbedingt selbst etwas über die Auferstehung und die Neue Erde herausfinden. Mit der Hilfe seines Vaters und einer Konkordanz fand er die entsprechenden Bibeltexte und machte sich Notizen darüber. Am Sabbat darauf erzählte er meiner Frau von seinem Studium und dessen Ergebnis. Wir waren beide baff.

Offenbar unterschätzen wir manchmal die Fähigkeit der Kinder, selbst Schlüsse aus der Bibel zu ziehen. Vielleicht sollten wir sie mehr dazu anleiten, als ihnen bloß biblische Geschichten (und die entsprechende "Moral" dazu) zu erzählen.

Werner E. Lange