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Andacht

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: ... Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde. ... Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! ... Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

1. Mose 50,15.17.19-20

Es gibt kaum einen Lebensweg, auf dem es nicht Verwicklungen oder Verirrungen gibt. Sie gleichen häufig einem festgezurrten Knoten, der nicht zu lösen ist. Manch einer quält sich über Jahre mit diesen Problemen und wird seines Lebens nicht mehr recht froh. Immer wieder kreisen seine Gedanken um diese Schwierigkeiten. Das kann ein strittiger Punkt am Arbeitsplatz oder in der Familie sein oder auch in seinem ganz persönlichen Leben. Krankheit, Schulden, Beziehungen, die zu Bruch gehen.

Wie geht man damit um? Es gibt eine große Anzahl von Ratgebern und Büchern, die Lösungen anbieten. Manches davon mag gut sein. Eine alte Lebensweisheit sagt: "Was man lösen kann, soll man nicht schneiden." Nicht selten wird ein Knoten aus Resignation oder Bitterkeit, aus Wut oder Hass zu früh zerschnitten. Das Ergebnis sind viele Scherben, denn selten gibt es eine Klärung, wenn mit der Faust auf den Tisch gehauen wird. Das Lösen schwieriger Knoten erfordert große Kraft und Ausdauer, Ehrlichkeit und Ruhe. Wo es um solche Knoten geht, sind nicht selten Schuld und Verfehlung die Ursachen. Es ist schmerzhaft, wenn die eigene Schuld aufgedeckt wird und die eigenen Fehler sichtbar werden. Eine Bereinigung darf nichts verdrängen, es sollte nichts unter den Teppich gekehrt werden. Was jetzt gefragt ist, sind die Einsicht der Fehler und ihre Verarbeitung. Das Ziel sollte sein, zu wirklicher Vergebung zu kommen und eine tiefe Versöhnung mit anderen, mit sich selbst und mit Gott zu erleben. Genau das war die Erfahrung von Josef und seinen Brüdern.

Es gibt aber auch solche Knoten, bei denen nur das Schneiden bleibt, um größeres Unheil abzuwenden. Wo ein solcher Schritt vollzogen werden muss, geschieht das stets mit Trauer und Enttäuschung, weil alles Reden vergeblich war. Manche haben es am eigenen Leib erfahren müssen, dass eine "Operation" unumgänglich war, um das Leben zu retten. Das war auch meine Erfahrung. In solchen Momenten, ist oft alles, was bleibt, sich ganz fest an Gott zu klammern.

Wilfried Ninow†